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Padre Pios Erhöhung

Im Osten, über den Dächern der Ewigen Stadt, rötet sich der Himmel. Es ist Sonntag, der 2. Mai 1999. Zu dieser Tageszeit ist Rom gewöhnlich wie ausgestorben. Nicht so heute! Unübersehbare Menschenmengen streben von allen Seiten dem Vatikan zu. Ein denkwürdiger Tag bricht an.

Hunderttausende verehrten ihn schon zu seinen Lebzeiten als Heiligen, den bescheidenen Kapuziner aus Pietrelcina. Aus einfachsten Verhältnissen kommend, wurde er zum Weltenbeweger.

Hunderttausende sahen ihn leiden, sahen ihn fünfzig volle Jahre hindurch die Wundmale unseres Heilands tragen, die Woche für Woche am Freitag blutend aufbrachen und den ohnehin kränklichen Körper des Dulders noch weiter schwächten. Demütig ertrug er die Qualen, erlitt er die Schmerzen und weihte sie Gott, zur Vergebung der Sünden.

Kann ein im Geruch der Heiligkeit lebender Mensch Sünden haben? Sicher keine von Bedeutung!

Für uns, für unsre Schuld wurde er zum Büßer. Für uns, für unsre Sünden erflehte er vom Himmel immer noch mehr Leiden, um uns zu erlösen, und wurde so in einer fast übermenschlichen Art zum Ebenbild Christi. Nicht die sichtbaren Wundmale, die er zeitlebens als demütigend und störend empfand, war er doch gegen alles Sensationelle um seine Person, sondern sein Leben in der engsten Nachfolge Jesu machten ihn zum Heiligen. Kein Schmerz, kaum eine Qual konnten ihn daran hindern, seinen Pflichten als Seelsorger nachzukommen, und der Maßstab, den er sich für diese Pflichten setzte, war schlechtweg gigantisch. Selbst ein gesunder Mensch könnte nicht ohne große Mühe das Tagewerk dieses Heroen nachvollziehen, und Pater Pio hielt daran bis ins hohe Alter fest, ja, bis zum Vortage seines Todes. Nur seiten waren die Tage der totalen Erschöpfung und des maßlosen Fieberanfalls, die ihn davon abhalten konnten.

Für gewöhnlich sah die aufgehende Sonne Pater Pio niemals ruhen. Vor dem Morgengrauen schon bereitete er sich durch lange, innige Gebete auf die Frühmesse vor und zelebrierte dann mit einer Hingabe und Einfühlsamkeit die heilige Handlung, die beispiellos war und jeden Betrachter erschütterte.

Nicht immer waren nur brave Christen in der Kirche, wenn Pater Pio die heilige Messe zelebrierte. Sehr oft waren Neugierige, Skeptiker und Ungläubige dabei. Deshalb sprach ich zuvor von Betrachtern. Daß auch jene „unfrommen“ Betrachter erschüttert wurden, beweisen die vielen Bekehrungen, Konversionen und spontanen Entschlüsse, das eigene Leben zu ändern, bis hin zum plötzlichen Entschluß, der Welt zu entsagen und ins Kloster einzutreten. All dies wurde bewirkt durch ein Charisma, das nur als gottbegnadet bezeichnet werden kann, das den Raum erfüllte und jeden Anwesenden durchdrang wie die Luft, die er atmete, ja, beinahe als ersetzte es dieselbe. Allein diese unsichtbare, aber intensiv fühlbare Strahlung seiner Seele genügte, um Menschen zu verwandeln und ihnen glaubhaft zu machen was sie zuvor nicht hatten wahrhaben wollen. Da war weiter nichts vonnöten, und durch dieses Charisma wurde er zu dem erfolgreichen Menschenfischer, der er war und noch im Tode – stärker sogar – ist.

In der Tat war Pater Pio kein Redner, kein großer Prediger, und wie Papst Paul Vl. sagte, auch kein Philosoph im herkömmlichen Sinne. Was ihn auszeichnete, war vor allem dies: er brauchte nicht zu glauben. Er wußte! Aus Erfahrung!

Nach der heiligen Messe versäumte er nie die Danksagung auf dem Chor, vor dem Kreuz, vor welchem er 1918 die Wundmale erhielt. Danach ging er zu seinem Beichtstuhl, wo immer schon lange Schlangen von Beladenen und Bußfertigen seiner harrten um zu bekennen und um seine Absolution zu erhalten. Womöglich auch seinen Segen. Stunde um Stunde verbrachte Pater Pio im Beichtstuhl, nur von einem kurzen, kargen Mittagsmahl unterbrochen.

Was für eine geheimnisvolle Macht befähigte ihn, in die Seelen zu blicken? Wie oft verweigerte er die Absolution, weil ihm die Reue des Betreffenden nicht echt oder nicht ausreichend erschien! Noch mehr aber erstaunt die Tatsache, daß er häufig den Beichtenden auf die Unvollständigkeit der Aufzählung seiner Sünden hinwies und dann zur maßlosen Verblüffung desselben das Fehlende der Wahrheit entsprechend selbst ergänzte.

Als tiefer Verehrer der Muttergottes betete Pater Pio täglich den Rosenkranz und erflehte von der heiligen Jungfrau Fürbitte und Gnaden für das eine oder andere seiner geistigen Kinder. Fast immer wurde seine Intervention erhört, wovon die vielen Wunder zeugen, die Pater Pio bescheinigt werden. Nie jedoch akzeptierte er den Dank eines solcherart Begünstigten, sondern betonte jedes Mal, daß er selbst nur der Mittler sei, die Gnade aber allein von Gott dem Allmächtigen komme.

Auch für Pater Pio hatte der Tag nicht mehr als vierundzwanzig Stunden. Umso bemerkenswerter ist es, daß er nach täglich bis zu zwölf Stunden des Beichtehörens, nach einer langen hl. Messe und nach Stunden des Gebets noch Zeit fand sein Lieblingsprojekt des Hauses zur Linderung des Leidens zu verfolgen, zu entwerfen, zu erörtern und schließlich auch zu realisieren. Ein Krankenhaus, das heute mit seinen ca. 1300 Krankenbetten in den verschiedenen Fachabteilungen und mit der angeschlossenen medizinischen Forschungsanstalt zu weltweiter Bedeutung herangewachsen ist. Außerdem gründete er nach und nach eine Reihe von Gebetsgruppen, erarbeitete ihre Statuten und pflegte eine ständige Verbindung zu ihren Gruppenleitern. Wahrlich ein Leben voll Arbeit und Gebet!

Hunderttausende bewunderten und verehrten ihn und baten um seine Fürsprache. Hunderttausende trauerten um ihn und fühlten sich verlassen, als er von uns ging, obgleich er versichert hatte, er werde vom Himmel aus noch mehr für uns tun können. Auch darin behielt er recht.

Seine Saat ging auf. In den dreißig Jahren seit seinem seligen Heimgang wuchs sein irdisches Werk in einem nie vorhersehbaren Umfang. Die Gebetsgruppen vervielfachten sich und bedecken heute selbst entlegenste Winkel der Kontinente. Die Gebetserhörungen nahmen zu und mit ihnen die Zahl seiner Verehrer und Anhänger. Millionen katholischer Christen halten ihn schon lange für den wichtigsten Heiligen unseres Jahrhunderts, der uns durch sein Leben und Leiden, durch seine Taten und Lehren den richtigen Weg ins dritte Jahrtausend gewiesen hat, den einzigen Weg aus dem Verderben, gepflastert mit Nächstenliebe, Verständnis, Duldsamkeit, Opfermut und vor allem mit dem Gebet.

Wieso brauchte unsere heilige Mutter, die Kirche, dennoch so lange, wie es uns Ungeduldigen zumindest erscheinen mag, um Pater Pio zur Ehre der Altäre zu erheben?

Auf den ersten Blick umso weniger verständlich, als der Heilige Vater Papst Johannes Paul II. selbst Pater Pio seit seiner römischen Studentenzeit kannte und verehrte, als junger Priester bei ihm beichtete und ihm schließlich als Erzbischof von Krakau den in Latein abgefaßten berühmten Brief geschrieben hat, in welchem er den Ordensmann für eine befreundete Wissenschaftlerin und Mutter unmündiger Kinder, die schwer an Krebs erkrankt war, um sein fürbittendes Gebet ersuchte. Pater Pio sagte damals zu einem seiner Mitbrüder: Diese Bitte kann ich wohl unmöglich abschlagen.

Die schwere und ziemlich aussichtslose Operation war bereits anberaumt, als zum Staunen der Ärzteschaft alle Symptome der Krankheit verschwunden waren! Seither kommt die polnische Professorin auch heute noch jedes Jahr nach San Giovanni Rotondo, um Pater Pio in seiner Krypta zu besuchen und ihm für die wunderbare Heilung zu danken.

Im Jahre 1987, anläßlich des hundertsten Geburtstages von Pater Pio, besuchte Karol Wojtyla als Papst Johannes Paul II. das Grab des Kapuziners und verweilte dort tief im Gebet versunken vor dem Granitblock kniend, der die sterbliche Hülle des verehrten Paters bedeckt.

Warum also hat der Heilige Vater nicht aus seiner Machtvollkommenheit heraus, über Kongregationen und Kardinäle hinweg, Pater Pio schon längst selig- und heiliggesprochen?

Wir wissen es nicht, können nur Vermutungen anstellen. Am wahrscheinlichsten mag sein, daß der Papst mit voller Absicht die langen Jahre des Diözesanprozesses und die langwierigen Untersuchungen der vatikanischen Kongregation abwartete, in der Gewißheit, daß auch diese Organe zu derselben Ansicht kommen mußten, die er selbst schon seit langem vertrat, und somit der päpstlichen Unfehlbarkeit in Glaubensfragen durch die Zustimmung des ganzen Kardinalskollegiums neuer Glanz verliehen wurde. Und überdies auch, damit alle Anfechtungen, die, auch seitens der Kirche, gegen den in der ganzen Welt verehrten Pater erhoben worden waren, durch die Kirche selbst widerlegt würden.

In diesem Zusammenhang gebührt unsere ganze Anerkennung und unser Dank Pater Gerardo Di Flumeri in San Giovanni Rotondo, dem Vizepostulator des Selig- und Heiligsprechungsverfahrens von Pater Pio, welcher in unermüdlicher, aufopfernder Arbeit Hunderte von Zeugen vernahm, Tausende von Zeugnissen, Bekundungen und Berichten durchsiebte, alles Erarbeitete in dicken Foliobänden niederschrieb und nur jenes als Beweis der Tugendhaftigkeit und des Wunders gelten ließ, was durch keinen menschlichen Zweifel mehr erschüttert werden konnte.

Der Titel „Vizepostulator“ ist für viele von uns irreführend, erscheint er doch hinter dem „Generalpostulator“ zweitrangig zu sein. Dem ist aber nicht so. Der Generalpostulator, ein Jurist, bei den Kapuzinern ist es zur Zeit Pater Paolino Rossi, vertritt allgemein sämtliche Anliegen des Ordens in der ganzen Welt vor dem Heiligen Stuhl; die Vizepostulatoren hingegen sind jeweils nur mit der Bearbeitung und Weiterführung der Verfahren, meist eines einzigen, innerhalb ihrer Diözese beauftragt. So war Pater Gerardo Di Flumeri all die Jahre hindurch fast ausschließlich mit dem Prozess von Pater Pio beschäftigt, bis an die Grenze seiner eigenen Gesundheit und Leistungsfähigkeit, und sorgte für dessen Fortgang bis zu seinem vorläufigen, erfolgreichen Ende. Erbitten wir vom Herrn für ihn die Gnade, seiner segensreichen Tätigkeit noch lange nachgehen zu können.

Am 18.12.1997 verkündete der Heilige Vater nach Abschluß aller Untersuchungen die offizielle Aufnahme Pater Pios in die Reihe der Ehrwürdigen der katholischen Kirche, und ein Jahr später, am 21.12.1998, bestimmte er, aufgrund eines unbezweifelbaren Wunders durch die Fürbitte des Paters, dessen Seligsprechung und legte diese auf den 9. Mai 1999 fest.

Eine fieberhafte Zeit der Vorbereitung und der Organisation begann, sowohl in San Giovanni Rotondo als auch in Rom selbst. Als 1992, bei der Seligsprechung des Begründers des Opus Dei, P. J. Escrivà, etwa 200.000 Pilger in die heilige Stadt kamen, herrschten zum Teil chaotische Zustände, vor allem was den Straßenverkehr anbelangte, was einige schlimme Folgen hatte. Das sollte sich nun nicht wiederholen, auch wenn diesmal noch weit mehr Pilger erwartet wurden. Dank der Arbeit der Kapuziner in San Giovanni Rotondo, der Kurie des Ordens in Foggia, der vatikanischen Ämter, der Behörden und der Verwaltung der Stadt Rom wurde dieses Ziel erreicht.

Kein Außenstehender macht sich auch ein nur annähernd zutreffendes Bild von der Menge der Aufgaben, die ein solch außergewöhnliches Ereignis in der Vorbereitung mit sich bringt!

Da man wußte, daß der Petersplatz niemals die zu erwartende Menschenmenge fassen würde, war auch der große Platz vor der Lateranbasilika zur Verfügung gestellt worden, wo die Gläubigen das Geschehen auf Großbildschirmen, wie sie auch in San Giovanni Rotondo aufgestellt worden waren, verfolgen konnten. Vor der St. Petersbasilika war die ganze Fläche innerhalb der Kolonnaden in Planquadrate eingeteilt, die mit langen Reihen Stühlen versehen waren. Außer den 50.000 Sitzplätzen waren noch 100.000 Karten für Stehplätze vergeben worden. Der weitaus größere Rest der zu erwartenden Pilger mußte sich in weiterer Entfernung mit einem Stehplatz begnügen oder von vornherein mit dem Lateranplatz vorliebnehmen.
Ende April wandte sich der Oberbürgermeister von Rom durch Fernsehen und Zeitung an die Bevölkerung der Stadt mit dem Aufruf, man möge am Wochenende des 1./2. Mai nicht ohne zwingenden Grund außer Hauses gehen und so die Straßen für die Pilger freihalten. Die Wochenendausgaben berichteten dann über eine wahre Massenflucht der Römer aus der Stadt in die Berge oder ans Meer, sofern sie nicht auch persönlich an den Feierlichkeiten der Seligsprechung von Pater Pio teilnehmen wollten.

Noch in der Nacht vom 1. zum 2. Mai begann der Zustrom der Busse und Privatwagen. Flugzeuge brachten tausende von Pilgern aus Irland, den U.S.A., Kanada, aus Südamerika sowie aus fünf afrikanischen Staaten und sogar aus Neuseeland; man begegnete Indern und Australiern, aber auch Japanern und natürlich den Vertretern der europäischen Nationen, und alle strebten schon zu jener frühen Morgenstunde in die Richtung des Vatikans oder nach dem Lateran. Tausende auswärtiger Polizisten verstärkten die römischen Ordnungshüter und wurden doch nur mit Mühe Herr der Lage. Sowohl der Petersplatz als auch der Lateran waren schon am Vortage in einem weiten Umkreis mit barrikadenartigen Gittern abgesperrt worden, und als dann kurz nach sechs Uhr in der Früh die einzelnen Durchgänge geöffnet wurden, strömte sintflutartig die wartende Menge auf die beiden Basiliken zu. Weniger als eine Stunde genügte, um das Bild zu verändern. Alle Sitze waren besetzt, und unübersehbare Menschenmengen standen dichtgedrängt in den angrenzenden Straßen. Die Via della Coneiliazione, die breite Prachtallee, die den Petersplatz Richtung Innenstadt verläßt, faßte allein schon bis zur Tiberbrücke mehr als Hunderttausend Pilger. Jede genauere Schätzung wurde bei diesem Andrang unmöglich. Der Bayerische Rundfunk- und Fernsehsender, der mit ca. dreißig anderen Fernsehgesellschaften zugegen war, sprach in seiner Live-Übertragung sogar von 800.000 Besuchern, was aber doch einiges zu hoch gegriffen ist. Der „Osservatore Romano“ vom 3./4. Mai spricht von 350.000 Pilgern, die eigens angereist waren, wozu natürlich noch die Einheimischen kamen. Außerdem heißt es, «könne die Seligsprechungsfeier als eine gelungene „Generalprobe“ für die Feierlichkeiten im Heiligen Jahr 2000 gewertet werden».

Die Feier wurde übrigens in 32 Ländern der Erde live übertragen, was das weltweite Interesse schlagend beweist. Ängstlichere Menschen hatten wegen des Kosovokrieges ihren Besuch in Rom oder in San Giovanni Rotondo abgesagt, und wieder andere hatten sich von dem in den Medien angekündigten Chaos abschrecken lassen und das Geschehen lieber daheim am Fernsehen verfolgt.

Kurz vor Beginn der Feierlichkeiten füllte sich auch die Empore zu beiden Seiten des für den Papst errichteten Hochaltars unter dem Baldachin. Das ganze am Vatikan akkreditierte Diplomatische Korps erschien im Frack, mit Schärpen und Orden behängt; Mitglieder der römischen Adelsfamilien mischten sich mit ihnen. Ich zählte 26 Kardinäle und zahlreiche Bischöfe, und auch die Kapuziner – nicht nur aus San Giovanni Rotondo – waren reichlich vertreten.

Die Menge klatschte Beifall, als 0.L. Scalfaro, der Staatspräsident Italiens, seinen Platz einnahm. Vor ihm waren schon Ministerpräsident D’Alema mit mehreren Mitgliedern des Kabinetts sowie Senatspräsident Nicola Mancino und verschiedene andere Vertreter aus Politik und Wirtschaft gekommen.

Pünktlich um 9.30 Uhr öffnete sich der Vorhang an einem Portal der Basilika, und nach einer langen Reihe von Konzelebranten betrat Johannes Paul II., auf seinen Bischofsstab gestützt und unter dem Jubel der Gläubigen, die Empore, wo er vor dem Hochaltar auf dem Papstthron Platz nahm. Orgelbrausen und der Gesang der Chöre erfüllten die Luft.

Nach der Begrüßung der Gemeinde durch Seine Heiligkeit und dem Gesang des „Kyrie“ trat der Erzbischof von Manfredonia-Vieste S.E. Vincenzo D’Addario in Begleitung des Generalpostulators des Kapuzinerordens vor den Heiligen Vater, um seinen Antrag auf die Seligsprechung Pater Pios, der in seiner Diözese gelebt und gewirkt hat, vorzutragen, wobei er in Kürze die Tugenden und Verdienste des Ordensmannes aufzählte.

In einer absoluten, gebannten Stille, fast als hätten die Hunderttausende den Atem angehalten, erklang die traditionelle Formel, mit welcher der Papst durch seine Apostolische Vollmacht Pater Pio in die Reihe der Seligen der Katholischen Kirche aufnahm.

Der Jubel der Gläubigen kannte keine Grenzen! Unter Tränen der Freude und Rührung, unter stürmischem Applaus und Szenen bewegter Dankbarkeit über das endlich erreichte Ziel hoben sich in diesem Augenblick gleichzeitig an den Fassaden der Basiliken von St. Peter und dem Lateran sowie der Kirche Santa Maria delle Grazie in San Giovanni Rotondo die Schleier vor den bisher verhüllten Bildnissen des neuen Seligen.

Zur Verehrung der Reliquien wurden nun von Kapuzinern und Laien in Prozession ein wunderbarer, silberner Reliquienschrein, Blumen und Kerzen vor den Heiligen Vater getragen und seitlich vor dem Altar aufgestellt, wonach S.E. der Erzbischof wiederum zusammen mit dem Generalpostulator vor den Stuhl des Papstes trat und ihm im Namen der ganzen Kirche für die Seligsprechung des Ehrwürdigen Dieners Gottes Pater Pio von Pietrelcina dankte. Sämtliche Formeln wurden in Latein gesprochen. Der Heilige Vater stimmte das „Gloria“ an, worauf der Chor und die Gemeinde einfielen. Es folgte sodann der Wortgottesdienst. Die erste Lesung, aus der Apostelgeschichte (6, 1-7), wurde in englischer Sprache gehalten, die zweite, aus dem ersten Petrusbrief (2, 4-9), in spanisch. Die Textstelle aus dem Evangelium (Joh. 14, 1-12) wurde gesungen vorgetragen von einem jungen Kapuzinerdiakon aus San Giovanni Rotondo.

Es folgte die Homilie des Papstes, in welcher er selbst das heiligmäßige Leben Pater Pios würdigte. Während all der Stunden seit dem frühen Morgen war der Himmel wechselnd bewölkt gewesen, freundliche Schäfchenwolken zogen vorbei und verhinderten eine große Hitze, wie sie in den Tagen zuvor, zumindest in Rom, schon geherrscht hatte. Aber es fiel auch die ganze Zeit über kein Tropfen Regen, was fast schon ein Wunder war, wenn man bedenkt, daß die Meteorologen nach den hohen Temperaturen ausgerechnet für diesen Sonntag starke Regenfälle und Gewitter für ganz Mittelitalien vorausgesagt hatten. Solche „Zufälle“ wollen wir jedoch keines- falls zu den Wundern Pater Pios zählen, sonst kämen wir mit dem Zählen bald gar nicht mehr nach. Also sagen wir einfach: Wir hatten Glück und Gott sei Dank!

Die feierliche Konzelebration nahm ihren Verlauf. Das Gebet der Gläubigen wurde in deutsch, philippinisch, polnisch, französisch und portugiesisch gesprochen und so, wie schon zuvor bei den Lesungen, auch den Gläubigen aus anderen Nationen, die entweder persönlich anwesend waren oder am Bildschirm zuhause das Geschehen auf dem Petersplatz mitverfolgten, Rechnung zu tragen. Es wurde darum gebetet, daß „die Kirche aus der Barmherzigkeit des Vaters schöpfen könne, um dadurch täglich die verwirrten Herzen der Menschen zu trösten“, und daß „das Gute in der Welt den vom Vater bestimmten Platz erhalten möge und die Welt endlich erkenne, daß der Vater für alle einen Platz bereit hält“. Von besonderer Bedeutung die Intention für den Frieden im Kosovo, in Jugoslawien und in den anderen von Krieg und Gewalt zerrissenen und verwundeten Ländern der Erde: «Damit die Regierungen der Völker und Nationen bei ihren Handlungen immer das Leben, den Frieden, die Gerechtigkeit, den Wohlstand und jedes nur mögliche Wohlergehen anstreben und die Werke des Todes, des Krieges, der Ungerechtigkeit, des Bösen und jedes nur möglichen Unheils, die dem Werk des Vaters und seines Sohnes Jesus Christus widersprechen, ablehnen mögen».

Es folgte das Offertorium mit einer Reihe von Gaben, die zum Teil von den Mitbrüdern des neuen Seligen aus der Kapuzinerprovinz von Foggia, zum Teil von geistigen Kindern, darunter auch Sohn und Tochter der durch die Fürsprache des sei. Pater Pio wunderbar Geheilten, zum Altar getragen wurden.

Bei der Wandlung des Brotes und des Weines zum Fleisch und Blut Unseres Herrn Jesus Christus durch den Heiligen Vater fielen Hunderttausende, vom Staatspräsidenten bis zum Elementarschüler, andachtsvoll und ehrfürchtig auf die Knie. Wir alle sind nur sündige, sterbliche Menschen, wenn uns nur des öfteren Momente wie diese daran erinnern würden!

Hin und wieder, wenn es nicht störte, nahm ich mein Fernglas, um einzelne Persönlichkeiten in „Großaufnahme“ zu sehen, schließlich war ich nahe genug an der Tribüne. Am meisten beschäftigte mich Seine Heiligkeit und rührte an mein Herz. Sein Gesicht ist zerfurcht, weit über sein Alter hinaus, seine Hände, die den Hirtenstab umklammerten, zitterten leicht, aber ununterbrochen. Er ist in den letzten Jahren wohl nie wieder richtig gesund geworden, und trotzdem versieht er sein hohes Amt, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen. Beten wir zu Gott, damit Er dem Papst weiterhin Kraft und Ausdauer verleihen möge, um auch noch die Heiligsprechung Pater Pios mit seinem Namen verbinden zu können.

Die Hl. Messe nähert sich ihrem Ende.
Dutzende von Priestern verlassen den Hochaltar mit den vorn Papst geweihten Hostien in ihren Kelchen und gehen durch die schmalen Gänge weit hinein in die wartende Menge, um Tausenden von Menschen die Kommunion zu verteilen. Etwa 60 zuvor ausgewählte Persönlichkeiten darunter auch Frau Consiglia De Martino, an welcher Gott auf die Fürbitte Pater Pios hin das Wunder der Heilung gewirkt hatte empfingen diese aus der Hand des Heiligen Vaters selbst. Kurz darauf sang Johannes Paul II. das „Ite missa est“ und erteilte allen Anwesenden und ihren Angehörigen seinen Apostolischen Segen. In der Prozession seiner Kleriker zog er sich anschließend in die Basilika von Sankt Peter zurück.

Es dauerte einige Stunden, bis die Menschenmassen den Petersplatz und die angrenzenden Straßenzüge verlassen hatten und sich auf die Suche ihrer zum Teil kilometerweit abgestellten Fahrzeuge machen konnten.

Für uns war die Feier damit zu Ende, der Heilige Vater jedoch bestieg den Hubschrauber und ließ sich über unsere Köpfe hinweg zum Lateran, seiner Bischofskirche hinüberfliegen, um auch noch die weniger glücklichen Gläubigen, die auf dem Petersplatz und darum herum beim besten Willen keinen Platz mehr hatten finden können, persönlich zu begrüßen und auch sie des Apostolischen Segens teilhaftig werden zu lassen. Von der Loggia aus betete er vor über 150.000 Anwesenden das traditionelle Regina Caeli der Osterzeit und hielt eine Ansprache, in welcher er noch einmal das Leben und Wirken des neuen Seligen vom Gargano als «wahren Sohn des hl. Franz von Assisi» würdigte.

Zum Abschluß dieses wahrlich besonderen Tages wurde im durch Papst Paul Vl. erbauten Kongreßsaal für 10.000 geladene Gäste ein eigens für diesen Anlaß geschaffenes Oratorium des Komponisten Sergio Rendine uraufgeführt, mit dem Orchester und Chor des „Teatro Marrucino“ von Chieti, dem Chor „Adriano Ceccarini“ aus Viterbo sowie dem Chor des „Teatro Petruzzelli“ von Bari. Startenor unter den Solisten war José Carreras. Der Komponist kannte Pater Pio noch zu dessen Lebzeiten persönlich und konnte sich sogar seiner Freundschaft rühmen. Allein schon das prädestinierte ihn als den gegebenen Künstler für die Schaffung dieses Werkes, der „Missa de Beatificatione“.

Musikkritiker könnten vielleicht einiges an der sonst grandiosen Aufführung auszusetzen haben, etwa daß einige Passagen leicht an Bachs Matthäuspassion, andere an Mozarts Requiem erinnerten, aber es ist wohl nicht sehr negativ zu werten, wenn der Komponist sich von so erhabenen Werken inspirieren ließ. Daß trotz der ausgezeichneten Akustik des Riesensaales manche Partien der Teilchöre nur ungenügend durch die untermalenden Klänge zu hören und zu verstehen waren, lag einfach an der enormen Menge der Sänger, die dadurch nicht alle am günstigsten plaziert werden konnten.

Mir selbst gefiel bei einem der fünf Rezitanten nicht so sehr die meines Erachtens übertrieben artikulierte Vortragsweise bei der Verlesung von Pater Pios Originaltexten. Pater Pio war kein Schwärmer und schon gar kein Schauspieler. Seine Texte wirken durch ihren Sinn und Inhalt und haben es nicht nötig, in theatralisch betonter Art vorgetragen zu werden. Seine Bekenntnisse sind zart, manchmal sogar verschämt, auf keinen Fall würden sie sich als Vorlage für einen Heldentenor eignen. Aber, wie gesagt, das waren alles persönliche Eindrücke, und sie erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Alles in allem war die Vorführung ein großer Erfolg, die Künstler wurden mit ausgiebigen Ovationen bedacht, besonders als zum Schluß Carreras noch einmal erschien und zu Ehren des Heiligen Vaters ergreifend schön das „Ave Maria“ von Schubert vortrug. Nicht enden wollende Beifallskundgebungen belohnten ihn.

Beeindruckt und nachdenklich strömte die Menge aus dem Saal und aus der Vatikanstadt, und ich glaube, daß ein jeder von uns fühlte, an diesem Tage an einem religionsgeschichtlichen Ereignis ersten Ranges teilgenommen zu haben, von dem die Jüngeren unter uns noch ihren Enkeln mit Stolz berichten werden.

Der vorletzte Schritt zur Heiligsprechung Pater Pios ist getan. An diesem denkwürdigen 2. Mai 1999 wurde er zur Ehre der Altäre erhöht.
Unserem Herrgott sei Dank!